14.30-15.15   Thomas Hauschild: "Körperschaften - Freiheit und Anpassung in 'primitiven' und 'postmodernen' Kulturen"  
  In meinem Beitrag versuche ich, das Thema "Körperschaften" aus der Erfahrung mit zwei Kulturen heraus anzugehen, die ich einigermassen gut kenne: Meine "eigene" postmoderne akademische Subkultur (mit Schwerpunkt u.a. im Umfeld der FU Berlin der frühen 80er Jahre) sowie die süditalienische ländliche Gesellschaft der 80er und 90er Jahre, die ich bei langwierigen Feldforschungen als Ethnologe untersucht habe. Letztere muss für erstere im Verein mit den Kulturen der australischen aboriginees, der Proletarier von Manchester oder französischer Könige des Mittelalters gelegentlich das Bild einer geschlossenen Gesellschaft repräsentieren - geschlossen im Hinblick auf körperschaftliches Denken und im Hinblick auf Fremdheit. Beides soll den Vertretern der akademischen Dialogkultur nun einen doppelten Schluss ermöglichen: Stolz auf den angeblich einmaligen Variantenreichtum der eigenen modernen oder postmodernen Kultur paart sich mit der "Erkenntnis" der reinen Kulturgebundenheit des Körperlichen, die wiederum aus dem Kontrast fremder und eigener Körperbilder und Körperpraktiken geschlossen wird - all das ist dann wiederum wunderbares Material für das Systemdenken. Meine Erfahrungen mit den Körperschaften postmoderner Akademiker wie mit den Körperschaften der katholischen Provinzler in Italien sprechen jedoch eine andere Sprache: Sie zeigen Ähnlichkeiten im Körperempfinden, in der Körpergestaltung und vor allem in der Praxis der Kanalisierung immer gleicher biologischer Tatsachen in sozial verwertbare und darum unterschiedlich wirkende Kulturgüter. Aus dieser Erfahrung heraus plädiere ich für eine entspanntere, vom "Krieg der Wissenschaften" (Latour) befreite Kulturforschung, die den Begriff der Realität und die naturwissenschaftliche Sicht auf die Welt nicht länger tabuisiert oder lediglich zum Objekt ihrer Verunsicherungstechniken macht. Thomas Hauschild, Professor für Ethnologie an der Universität Tübingen, Forschungsschwerpunkte: Politik und Religion in Süditalien, Klientelismus nach dem Kalten Krieg, Takt und Tabu - Selbst- und Fremdgestaltung in der deutschen Anthropologie. Publikationen u.a.: "Making History in Southern Italy", in: Other Histories. Hg. von Kirsten Hastrup, London 1992; Lebenslust und Fremdenfurcht. Ethnologie im Dritten Reich, Frankfurt am Main 1995; "Christians, Jews, and the Other in German Anthropology", In: American Anthropologist, Dez. 1997; "Blut, Fleisch und Knochen. Ethnologie zwischen Erfahrung, Archaik und Archiv", in: Rieger, Stephan, Schahadat, Schamma, Weinberg, Manfred (Hg.): Interkulturalität. Zwischen Inszenierung und Archiv. Tübingen 1999, S. 103-16.