Kollektivkörper. Theorie und Performance.
Eine internationale Konferenz des Graduiertenkollegs "Körper-Inszenierungen" und der Schaubühne am Lehniner Platz

8.-10. Juni 2001 an der Schaubühne am Lehniner Platz Kurfürstendamm 153, U-Bahn: Adenauerplatz, S-Bahn: Charlottenburg, Bus 109, 110, 119, 129, 210, 219

Information: Graduiertenkolleg "Körper-Inszenierungen>", FU Berlin, Grunewaldstr. 35, 12165 Berlin

Konzeption: Sylvia Sasse, Stefanie Wenner, Jochen Sandig

Die Tagung wird unterstützt durch: Deutsche Forschungsgemeinschaft, Bioland, Vini & Salumi, Diskursive Poliklinik


Analogien zwischen dem menschlichen Körper - seinem Organismus, seiner Gesundheit, seinem Bauch und seinen Gliedern - und sozialen, staatlichen Formationen gehören seit der Antike zur Geschichte der Sozialphilosophie. Umgekehrt tauchen in der Biologie spätestens seit Virchow Begriffe wie Zellenrepublik auf oder es wird mit Bildern operiert, die den Kampf der Körperteile mit dem Wetteifer des Staatsbürgers vergleichen. Uns interessiert, ob und wie sich jenseits dieser Anthropomorphisierung des Sozialen und der biologistischen Verwendung gesellschaftlicher Prozesse von einem Kollektivkörper, Gemeinschaftskörper oder von Körperschaften sprechen läßt. Hat der Kollektivkörper eine Physiognomie, hat er überhaupt einen Körper? Wie wird der Kollektivkörper in cultural performances hergestellt, welche anthropologischen Konzepte liegen diesen zu Grunde? Kann man davon ausgehen, daß der Kollektivkörper die Ambivalenz vom Ineinander gemeinschaftlich imaginärer und symbolischer Figurierung und körperlicher Präsenz noch verdoppelt, oder ist er nur Ausdruck des Konfliktes von Identität, Abgrenzung, Verbindung, Regulierung oder Exotopie? Wir nähern uns diesen Fragen über die Analyse von cultural performances der Gemeinsamkeiten, Verbindungen, Identitäten, Aus- und Einschlüsse, die einen Körper in einen Kollektivkörper versetzen. Dazu gehören Paarbildungen, Gruppenrituale, Kommunen, Meuten, Massen wie auch die künstlerische Auseinandersetzung mit der Ästhetik der Verbindung. Aus historischer Sicht interessiert uns vor allem die Frage, ob die Performances des Kollektiven an der Wende zum 21. Jahrhundert ein neues Outfit bekommen haben: Ist die Love Parade Ausdruck des aktuellen kollektiven Individualismus? Löst die totale Verknüpfung im Cyberspace den totalitären Kollektivkörper ab? Wie setzt die Verdopplung und Egalisierung mithilfe der Gentechnologie den Gedanken der Uniformierung fort?

Wir setzen zwei Schwerpunkte:
Theorie:
Inwiefern thematisieren und konzipieren kultur-, religions- und rechtswissenschaftliche bzw. -historische sowie philosophische und künstlerische Konzepte einen Körper im kollektiven bzw. des kollektiven Körpers? Von welchem Körper ist die Rede? Von der Unterwanderung des Selbst mit kollektiver Identität, von einer multiplen Persönlichkeit oder von einer sozialen Gemeinschaft, deren Gemeinsamkeit auf einem anthropologischem Konzept beruht? Kann man von kollektiven Physiognomien sprechen, von der kollektiven, meutehaften, organlosen oder organischen Körperlichkeit, von einer Psychognomie kollektiver Konzepte?

Performance:
Wie geht die Inszenierung von Kollektiv-Körpern in Gemeinschaftsritualen über die Repräsentation und Verkörperung von Ideen hinaus? Wie wird Verbindung, Gemeinsamkeit oder Einigkeit hergestellt, und wie wird das Herstellen von Verbindung zu einem körperlichen Prozeß?

Die Konferenz ist so konzipiert, daß wissenschaftliche und künstlerische Auseinandersetzungen mit und über den Kollektivkörper gleichgewichtig nebeneinander stehen. Diese Verflechtung von Theorie und Praxis, die durch die Kooperation des Graduiertenkollegs "Körper-Inszenierungen" und der "Schaubühne am Lehniner Platz" initiiert wurde, soll die jeweiligen Mittel und Instrumente zur Erforschung des Kollektivkörpers selbst in den Blick nehmen. Der Wechsel des Schauplatzes ist also programmatischer Natur und dient der Reflexion des je eigenen Standortes. Wissenschaft wird auf die Bühne geholt, Performance in einen wissenschaftlichen Kontext gestellt. In diesem Sinn beginnt die Konferenz mit einer von Christine de Smedt für den Kontext der Tagung erarbeiteten Version des Projektes 9 x 9.

Folgenden Performances sind interaktiv:
· Feldenkrais-Einzelbehandlungen bietet Florian Schäffler während der ganzen Konferenz an.
· Die Leibspeise wird am Sonnabend von den Teilnehmern der Konferenz gemeinsam mit Samuel Zach im Foyer der Schaubühne vorbereitet, ab 20 Uhr wird sie dann kollektiv eingenommen. Hierfür können Sie sich schon jetzt anmelden unter bodynet@zedat-fu-berlin.de.
· Die Kollektiven Aktionen aus Moskau setzen am Sonnabend gemeinsam mit dem Publikum den dritten Teil ihrer in den Moskauer Wäldern begonnenen Performance "625-520" fort.
· In "shaking hands = handshake", einer Performance-Installation, erprobt Paul Gazzolla am Sonntag die Verbindungsfähigkeit der Teilnehmer.
· Christine de Smedt bietet am Sonntag den letzten Teil ihrer Performance 9x9, das "Deleuze-Game", als Workshop an. Da die Teilnehmerzahl begrenzt ist, bitten wir unter bodynet um Ihre Anmeldung.

Die Karten für den Konferenz (Tageskarte 40,- DM, ermäßigt 25,- DM) und Konferenzticket 99,- DM, ermäßigt 66,- DM) können Sie im Vorverkauf an der Kasse der Schaubühne ab 1.5. 2001 erwerben oder via E-Mail bestellen unter http://www.schaubuehne.de.

Ihre Fragen können Sie an das bodynet richten

© DPK, Stephan Schmidt, Jan Hülpüsch