17.30-18.15   Sylvia Sasse: "'Ideale Unfreiheit.' Über ein 'Motiv' der Verbindung in der russischen Kunst"  
  "Ideale Unfreiheit" beschreibt nach Evgenij Zamjatin, dem Autor des 1920 verfaßten Romans "Wir", den Zustand einer unfreien, gebundenen Bewegung, die vollkommene ästhetische Unterwerfung beim Tanz in der Masse, bei religiösen Mysterien oder Paraden. Daß Zamjatin eine solche Unfreiheit als ideal erscheint, hat nichts mit der Unterwerfung des Subjekt unter eine Idee oder einen Führer zu tun, sondern ist dem, wie er es nennt, erlebten Genuß einer Regelhaftigkeit bzw. eines Programms geschuldet. "Ideale Unfreiheit" charakterisiert gewissermaßen den Zustand einer geregelten Beziehung von Körpern bzw. Subjekten untereinander, in denen die Kunst des Zusammenhangs und die Politik der Verbindung auf die kreative Organisation ihrer Mitglieder und Teile gerichtet ist.
Von einem solchen Paradox der Freiheit, das Zamjatin in "Wir" beschreibt, ist in der Auseinandersetzung der modernen Ästhetik mit Kollektivkörpern vielfach die Rede. Dort werden die Kreativität der Organisation, die Regeln der Improvisation und die Idee, gleichzeitig Organisiertes und Organisator sein zu können, verschiedentlich und meist sehr widersprüchlich zum Ausgangspunkt eines künstlerischen und auch anthropologischen Konzepts.
An zwei Entwürfen, Mejerchol'ds "Biomechanik" von 1922 und Lev Nusbergs "Biokinetik" von 1967, die beide ein Paradox der Freiheit im bzw. des Kollektivkörpers formulieren, möchte ich diesen Gedanken kulturhistorisch zurückverfolgen und fragen, ob und wie beide davon ausgehen, zugleich Regeln aufstellen und subvertieren zu können.

Sylvia Sasse, Dr. phil., Studium der Slavistik und Germanistik in Konstanz, St. Petersburg, Moskau. Postdoktorandin am Graduiertenkolleg "Körper-Inszenierungen" (FU Berlin), Mitbegründerin der Diskursiven Poliklinik. Publikationen: Postart. Von Sozart zu Mokša. Texte aus der russischen Postmoderne, Erfurt 1997; Texte in Aktion. Performative Paradoxien zwischen totalitärer Ästhetik und russischer Postmoderne. München 2001; Moskau - Berlin - New York (Hg. mit Dirk Vaihinger, Ralf Bönt), Reinbek 2001. Seit 1998 diss.sense. Onlinezeitschrift für Literatur und Kommunikation.